Mein Auslandssemester an der Szkoła Główna Handlowa in Warschau, SS17

“Warschau trägt absolut zurecht den Titel „The Best City In Europe For Your Erasmus Adventure“”

Der Wunsch ein Auslandssemester zu absolvieren stand schon am Anfang meines Studiums fest. Da meine Wurzeln in Polen liegen und ich mich dem Land dadurch sehr verbunden fühle, entschied ich mich ein Semester lang in Warschau zu studieren. Nach einer sehr studentenfreundlichen, unkomplizierten und unbürokratischen Bewerbung im ISMA-Büro erhielt ich auch prompt eine Zusage für das Sommersemester 2017. Im nachfolgenden möchte ich Euch meine Erfahrungen schildern, die ich in den letzten 5 Monaten machen durfte.

 

Anreise & Unterkunft, das Leben im Studentenwohnheim „Sabinki“

Bequem von Düsseldorf aus nahm ich das Flugzeug Richtung Warschau. Vom Chopin-Flughafen waren es nur noch 10 Autominuten bis zum berühmtberüchtigten Studentenwohnheim „Sabinki“.

Für 90 Euro im Monat kann man hier auf einem Doppelzimmer zusammen mit einem anderen Erasmusstudenten leben.

Das L-förmige Gebäude hat insgesamt 5 Stockwerke. Ich hatte ein bisschen Pech und bin für die ersten Sechs Wochen auf einem Dreierzimmer gelandet, weil der 3. und 4. Stock renoviert wurden. Wir sind trotz des engen Raumes gut zurechtgekommen. Das muss aber nicht so sein, wie ich von Kommilitonen mitbekommen habe. Im Studentenwohnheim wohnen die unterschiedlichsten Studenten aus allen möglichen Ländern der Welt. Der Großteil der Leute kommt jedoch aus Osteuropa,
dementsprechend wird dort viel Russisch und Polnisch gesprochen. Grundsätzlich sprechen aber fast alle Englisch.

Auf jedem Flur befindet sich eine Küche, ein Bad mit mehreren Duschen und eine Toilette, die man sich mit den anderen Studenten teilen muss. Ich kann mich nur selten daran erinnern jemals auf eine Dusche oder eine Kochplatte gewartet haben zu müssen. Hat man ein gewisses Gefühl für die Rushhour, so läuft alles problemlos ab. Einzig das Wäsche waschen ist manchmal nervig, da es nur 3 Waschmaschinen (2 davon manchmal kaputt) und einen Trockner für über 500 Studenten gibt. Also am besten morgens waschen, wenn alle am ausnüchtern sind.

Das Studentenwohnheim ist unschlagbare 5 Gehminuten von der Universität entfernt und auch die Metro ist direkt nebenan. Im Wohnheim integriert befindet sich ein kleiner Shop, in dem die Produkte durchschnittlich teurer sind als im gewöhnlichen Laden, immer gut, wenn man mal die Milch
vergessen hat.

Partys finden im Sabinki regelmäßig statt, sowohl von den „Einheimischen“, als auch von den Organisatoren des ESN-Teams, also langweilig wird einem hier nie. Sollte es einem irgendwann zuviel werden, kann man in den Studyroom flüchten, der eigentlich immer leer ist.

Im Garten des Studentenwohnheims befindet sich noch ein Basketballfeld, der auch gerne für Flunkyball oder ähnliche Trinkspiele zweckentfremdet wird. Grillen ist ebenfalls erlaubt.

Insgesamt sollte man schon ein relativ dickes Fell mit ins Wohnheim nehmen, wenn man denn hier leben möchte. Privatsphäre wird hier nicht sehr großgeschrieben, manchmal kann es laut werden und wenn man Pech hat erwischt man einen schmutzigen Roommate. Positiv hervorheben möchte ich jedoch noch die Sauberkeit des Wohnheims, täglich wird hier gründlich gereinigt und das nicht zu knapp. Die Plätze sind jedoch begrenzt und Oversea-students haben Vorrang, daher frühzeitig bewerben.

 

Studium an der SGH

Die Kurse an der SGH sind insgesamt alle ein bisschen verschulter als in Deutschland. Die Teilnahme am Unterricht und Anwesenheit haben Einfluss auf die Abschlussnote. Es ist möglich während des Semesters durch Tests, mündliche Mitarbeit und Präsentationen Punkte für seine Note zu sammeln. Die Klausuren bestehen überwiegend aus Multiple Choice Aufgaben.

Sehr angenehm fand ich, dass sich alle Kurse problemlos für deutsche Module anrechnen ließen.

Ebenso ist es möglich, Kurse an der SGH zu belegen, die von deutschen Universitäten gehalten werden. Diese Kurse werden überwiegend von polnischen Studenten besucht. Eine sehr gute Möglichkeit also, den Polnischen Studenten ein wenig näher zu kommen und zu erfahren was sie motiviert die deutsche Sprache zu lernen.

Die Kurse werden überwiegend von Dozenten aus Mainz gehalten, die gerade ihre Doktorarbeit schreiben.

Die Vorlesung der deutschen Kurse gehen i.d.R. über eine Woche und in der darauffolgenden Woche wird die Klausur geschrieben.

Es ist auch möglich, ein „Zeroterm“-Exam zu schreiben, eine vorgezogene Klausur für Studenten, die das Auslandssemester eventuell vorzeitig beenden möchten. Die Klausuren finden meistens in der letzten Vorlesungswoche statt und sollen wohl leichter sein als das reguläre Examen.

Die Anmeldung zu den Kursen erfolgt in mehreren Teilabschnitten über das „Virtual Dean’s Office“ (VDO). Zuerst gibt man unverbindlich seine Präferenzen an, damit die Uni einen gewissen Überblick bekommt, welche Kurse gerne besucht werden möchten. Im Nachfolgenden werden einem aufgezeigt welche Kurse die Vorauswahl überstanden haben. Wenn man Glück hat bleiben die eigenen Präferenzen bestehen, wenn nicht, muss man sich andere Kurse suchen. Das VDO ist bekannt dafür, sehr unübersichtlich, kompliziert und nervenaufreibend zu sein, ich habe diese Erfahrungen aber zum
Glück nicht machen dürfen.

Noch bis zu 2 Wochen nach Semesterbeginn kann man Kurse hinzufügen oder streichen. Man sollte also möglichst viele Kurse in den ersten beiden Wochen besuchen, um zu schauen welche Kurse einem zusagen oder eben nicht.

 

Meine Kurse:

Econometrics (6 Credits):

Der anspruchsvollste Kurs während meines Erasmussemesters. Man muss während des Semesters schon fleißig Punkte sammeln um an der Klausur am Ende des Semesters teilnehmen zu dürfen. Wöchentliches Nacharbeiten der Kursinhalte sind hier Pflicht, da der Stoff in unregelmäßigen Abständen durch kleinere und größere Tests abgefragt wird. Die Dozenten sprechen alle ausgezeichnetes Englisch und präsentieren den Stoff klar und stukturiert.

Sollte man hier Gas geben, lernt man auf jeden Fall eine Menge über Econometrics, was einem im späteren Studienverlauf bestimmt noch von Nutzen sein wird. Eine klare Empfehlung für diesen Kurs.

Human Resource Management (3 Credits):

Ein sehr angenehmer Kurs bei einer äußerst netten Dozentin. Es können insgesamt 100 Punkte erzielt werden, wovon 60 in der Klausur zu holen sind. Die restlichen 40 müssen durch Präsentationen, mündliche Mitarbeit und Hausaufgaben reingeholt werden. Ab 50 Punkten ist das Modul bestanden. Man sollte die Präsentation möglichst früh halten. Einerseits hat man es dann schon hinter sich, andererseits bewertet die Dozentin einen besser. Die Klausur ist zu 100% Multiple-Choice.

Unternehmsführung (3 Credits):

Ein Kurs für polnische Studenten mit Interesse an deutscher Unternehmensführung. In angenehmer, kollegialer Atmosphäre unterrichten 2 wissenschaftliche Mitarbeiter von der Uni Mainz über eine Woche lang täglich in Unternehmenssteuerung und -führung in deutschen Unternehmen. Die Klausur umfasst 60 Punkte, 50% Multiple Choice und 50% offene Fragen. In der letzten Vorlesung gibt es eine Eingrenzung die ungefähr 60% der Klausur abdeckt. Das sprachliche Niveau liegt bei B2, für Muttersprachler als kein Problem.

Rechnungswesen in deutschen Unternehmen (4 Credits):

Ein Kurs aus Mainz für Studenten mit Interesse an deutschem Rechnungswesen. Eine Mischung aus Buchhaltung und Jahresabschluss.

Economic and social policy (3 Credits):

Leider der langweiligste Kurs. Gibt eigentlich nicht viel zu sagen. Es gibt zwei Möglichkeiten dieses Fach zu bestehen. Entweder man schreibt ein Research Paper (Essay) oder die Klausur (Zeroterm oder reguläre Klausur).

Financial Markets: (4.5 Credits):

Hierfür benötigt man Hintergrundwissen in Finance, was ich leider nicht hatte. Es ist schwierig dem Dozenten zu folgen, wenn man kein Vorwissen mitbringt. Es wird empfohlen, die einzelnen Kapitel der relevanten Literatur vor dem Unterricht schon mal zu lesen. Um für die vorgezogene Klausur zugelassen zu werden, muss man eine Art Essay über Aktienbörsen schreiben. Weiterhin besteht die Möglichkeit, ein 3-Minütiges Video über einen Aspekt der Finanzmärkte zu drehen. Das beste Video wird dann mit Bestnote benotet. Die Klausur besteht ebenfalls zu 100% aus Multiple-Choice und umfasst 50 Fragen. Die erreichte Punktzahl wird durch 10 geteilt und der Wert entspricht dann der Endnote.

 

Das Leben in Warschau

Bedenkt man das Warschau die teuerste Stadt Polens ist, lässt es sich hier ganz angenehm leben. Einzig die Mietpreise sind mit 300-400 Euro pro Monat vergleichbar auf deutschem Niveau. Aber es lassen sich auch günstige Zimmer für unter 200 Euro finden.

In der Universität bekommt man für 3-6 Euro in 3 verschiedenen Kantinen eine vollwertige Mahlzeit und auch außerhalb ist das Essengehen günstiger als in Deutschland.

Möchte man zu Hause kochen, so bieten einem die Lebensmittelläden Biedronka, Lidl oder Carrefour ausreichend Möglichkeit zur Selbstversorgung.

Warschau bietet einem ein reichhaltiges Angebot an verschiedenen Speisen aus aller Welt, aber auch die traditionelle Küche, besonders die Pierogi, sind sehr zu empfehlen. Zu empfehlen wäre das Restaurant Zapiecek, das einem alles bietet was die polnische Küche zu bieten hat.

Die Transportmittel sind ausgezeichnet. Als Student kann man für umgerechnet 35€ 3 Monate lang durch Warschau fahren. Es empfiehlt sich ebenfalls für kürzere Wege auf das Fahrrad umzusteigen. Hierfür muss man sich lediglich die App „Veturilo“ holen, sich registrieren, die E-Mail bestätigen und 10 PLN auf das Konto laden und schon kann man sich 20 Minuten lang kostenlos an einem der vielen Stationen ein Fahrrad ausleihen und durch Warschau biken. Für jede weitere Stunde zahlt man ein geringes Entgelt. Zu beachten ist, dass dieser Service im Winter einem nicht zur Verfügung steht.

Das Partyleben ist abwechslungsreich und vielfältig. Der wohl bekannteste Club unter Erasmus- Studenten ist der „Park Klub“. Unweit der Uni entfernt, gibt es hier für 10 PLN Freibier bis spät in die Nacht. Ansonsten sollte man einfach die Orientierungswoche mitnehmen. Von Montag bis einschließlich Sonntag wird jeden Tag ein anderer Club besucht.

Warschau und Polen allgemein haben eine unglaubliche Geschichte zu bieten und hier alle Sehenswürdigkeiten aufzulisten, würde ein wenig den Rahmen sprengen. Besonders
Musikinteressierte Menschen kommen hier ganz bestimmt auf ihre Kosten.

 

Reisen in und außerhalb Polens

Warschau hat eine unschlagbare geographische Lage. Von hier aus lassen sich unzählige Städte wie Berlin, Wien, Prag oder Brüssel günstig mit dem Bus erreichen. Aber auch innerhalb Polens sind Städte wie Danzig, Krakau, Posen, Zakopane oder Lublin ein absolutes Must-See und nicht weit entfernt. Auch Flüge sind sehr günstig, so z.B. nach Stockholm für weniger als 30€.

 

Fazit und Dankessagung

Ich bin sehr zufrieden mit meiner Entscheidung mein Auslandssemester in Warschau absolviert zu haben. Besonders bei meinem Buddy Alicja möchte ich mich ganz herzlich bedanken. Sie stand mir bei Fragen immer zur Seite und hat dafür gesorgt, dass ich mich in Warschau wie zu Hause fühle.

Auch beim ESN-Team möchte ich mich herzlich bedanken. Nahezu wöchentlich wurden
Veranstaltungen für Erasmusstudenten organisiert, seien es die unzähligen Pubcrawls, die Ausflüge in den Zoo oder das gemeinsame Pierogi-Essen im Zapiecek. Es wurde sich immer bemüht den Erasmus Studenten eine angenehme Zeit in Warschau zu bereiten.

Insgesamt kann ich jedem empfehlen sein Auslandssemester in Warschau oder Polen allgemein zu absolvieren. Die Polen sind sehr offenherzige und liebevolle Menschen, die einen relativ schnell ins Herz schließen.

Warschau trägt absolut zurecht den Titel „The Best City In Europe For Your Erasmus Adventure“

Warschau

Ein Bericht von Johannes Walburg.

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